Rede von Bundesministerin Barbara Hendricks zur Preisverleihung des IKU 2015 am 20.1.2016 in Berlin

By 21. Januar 2016 News No Comments

Mit der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember hat die Staatengemeinschaft Geschichte geschrieben. Sie hat sich auf das erste Klimaschutzabkommen geeinigt, das alle Länder in die Pflicht nimmt.Das Abkommen legt fest, dass die Welt in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts treibhausgasneutral werden muss.

Unsere Aufgabe ist es nun, den Auftrag von Paris umzusetzen. Dazu müssen wir es schaffen, die jetzt völkerrechtlich verbindliche 2-Grad-Grenze für die Klimaerwärmung einzuhalten, besser noch wäre es den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das Abkommen verbindet die Obergrenze mit einer konkreten Handlungsanweisung: globale Treibhausgasneutralität in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.

Das bedeutet den Abschied von fossilen Energien, also Dekarbonisierung. Und das Abkommen geht noch darüber hinaus, weil es alle Treibhausgase betrifft. Klar ist aber auch, dass es für viele Länder dieser Welt jetzt erst richtig losgeht.Wie aber geht Dekarbonisierung? Wie gelingt der nötige umfassende und weltweite Klimaschutz? Und wie können Deutschland und seine Unternehmen dazu beitragen?

Grob gesagt, benötigt man dazu das, was man auch für den Deutschen Innovationspreis für Klima und Umwelt – kurz IKU – benötigt: überzeugende Ideen, Know-how und finanzielle Mittel zur Umsetzung. In Paris haben wir auch beschlossen, die Entwicklungsländer beim Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel finanziell zu unterstützen. Und wir nehmen in unserem Streben nach ehrgeizigem Klimaschutz und weltweiter Solidarität hier eine Vorbildrolle ein.

Ein beachtliches Beispiel dafür ist das 10 Milliarden-Dollar-Paket für erneuerbare Energien in Afrika. Zusammen mit anderen Industrieländern haben wir hier die Initiative ergriffen, mit dem Ziel, bis 2020 zusätzlich 10 Gigawatt erneuerbare Energie in Afrika zu installieren. Deutschland stellt hier mit 3 Milliarden Euro den höchsten Beitrag für die Initiative zur Verfügung.

Und auch hier ergibt sich wieder einen Bezug zu unserer heutigen Zusammenkunft, denn ein Preis des Deutschen Innovationspreis für Klima und Umwelt wird in der Kategorie „Technologietransfer“ vergeben.

Aber dazu später mehr. Ich möchte zunächst auf den Aspekt des Know-hows zurückkommen. Mit der Energiewende hat sich Deutschland bereits frühzeitig dazu entschieden, die Dekarbonisierung seiner Industriegesellschaft bis zum Jahr 2050 voranzubringen. Auch für uns ist dies eine große Herausforderung und ein Generationenprojekt.

Innovationen für Klima und Umwelt sind dafür in ganz verschiedenen Bereichen nötig, von denen ich hier nur einige exemplarisch aufzählen möchte:

  • Innovationen zur Neugestaltung des Energiesystems, die trotz der schwankenden Verfügbarkeit von Wind- und Solarenergie weiterhin eine zuverlässige und kosteneffiziente Versorgung sichern. Energiespeicherung sowie die Verbindung der Bereiche Strom und Wärme geraten hier neben der Energieverteilung immer mehr in das Blickfeld. Trotz beachtlicher Erfolge sind weiterhin Innovationen nötig, die die Effizienz von Anlagen zur Erzeugung von erneuerbaren Energien erhöhen und zugleich ihre Kosten weiter absenken.
  • Innovationen in den Kernprozessen der industriellen Produktion, mit dem Ziel ein „Mehr“ an Gütern mit einem „Weniger“ an Umweltressourcen zu produzieren. Wie bekannt, schlägt der durchschnittliche Materialverbrauch im verarbeitenden Gewerbe mit rund 40 Prozent des Bruttoproduktionswertes zu Buche, während die Lohnkosten nur rund 25 Prozent betragen. Es lohnt sich also, aus betriebswirtschaftlichen Gründen auf die Material- und Energiekosten zu achten. Und wettbewerbsfähige Technologien sind auch volkswirtschaftlich ein Gewinn.

 

  • Innovationen für die Verbraucher und Endkunden in allen Produktbereichen. Angefangen bei innovativen Fortbewegungsmitteln und Motoren über stromsparende Hausgeräte bis hin zu innovativer Gebäudetechnik und Oberflächenmaterialien, die den Strom- und Wärmebedarf von Häusern reduzieren und gleichzeitig die Wohnqualität steigern.

Die Politik kann den einzelnen Unternehmen nicht vorschreiben, wo sie innovativ sein müssen. Aber sie hat es in der Hand, geeignete Rahmenbedingungen für Innovationen zu schaffen und kann über verschiedene Instrumente gezielt Anreize setzen.Ein wichtiges Instrument ist die Förderung von Forschung und Entwicklung, um die Umstellung unserer Energie-, Verkehrs- und Produktionssysteme zu forcieren.

Aus diesem Grund unterstützt die Bundesregierung Forschung und Entwicklung. Beispielsweise betrug der Etatansatz für FuE des Bundesumweltministeriums im Jahr 2014 allein 293,7 Mio. Euro.Und insgesamt standen im Jahr 2014 aus Bundesmitteln rund 1,7 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung in den Bereichen erneuerbare Energien und Energieeffizienz, Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit sowie Ökologie und Naturschutz bereit. Aus den Ergebnissen dieser Förderung speisen sich unter anderem auch die Vorbilder, die wir mit der heutigen Verleihung des Deutschen Innovationspreises für Klima und Umwelt zum Leuchten bringen wollen.

Ein weiteres Instrument für Innovationen im Klimaschutz, und außerdem der Mittelgeber für die heute zu übergebenden Preisgelder, ist die Nationale Klimaschutzinitiative. Hier setzt die Förderung bei sehr marktnahen Vorhaben zum Klimaschutz an. Dazu möchte ich Ihnen zwei Beispiele nennen:

  • Die „Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz“.
    99 Prozent aller in Deutschland ansässigen Unternehmen sind Mittelständler. Es ist daher nur konsequent, sie auch bei der Umsetzung der Energiewende und beim Klimaschutz zu unterstützen. Dafür startete die „Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz“ am 1. Januar 2016 in ihre zweite Phase. Die Initiative wird getragen vom Bundesumweltministerium, dem Bundeswirtschaftsministerium, dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sowie dem Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH). Ziel ist es, die Energieeffizienz der Betriebe zu verbessern und Energieeinsparpotenziale zu heben. Hierzu bietet die Mittelstandsinitiative den Unternehmen mit Dialog, Informationen und Qualifizierungen Hilfestellung und vermittelt Ansprechpartner vor Ort.

Denn eins ist klar: Ohne die mittelständischen Unternehmen als „Rückgrat“ der deutschen Wirtschaft sind die Energiewende und unsere Klimaschutzziele nicht zu schaffen.

  • Ein weiteres Vorhaben der Nationalen Klimaschutzinitiative sind die Lernenden Energieeffizienz-Netzwerke, auch LEEN genannt.

 

In diesen regionalen Netzwerken schließen sich Unternehmen branchenübergreifend zusammen, mit dem Ziel, ihre Energieeffizienz nach eigenen anspruchsvollen Vorgaben zu steigern. Auswertungen der Netzwerkarbeit zeigen, dass die beteiligten Unternehmen ihre Energieeffizienz mindestens zweimal schneller steigern als der Durchschnitt der Industrie. Nach der durchschnittlichen Laufzeit der Netzwerke von drei bis vier Jahren senken die Unternehmen ihren spezifischen Jahresenergiebedarf um durchschnittlich sechs bis acht Prozent.

Die Kapitalrendite der implementierten Effizienzinvestitionen liegt in der Regel über 15 Prozent und in Einzelfällen auch deutlich über 100 Prozent.

Das Bundesumweltministerium und das Bundeswirtschaftsministerium haben daher zusammen mit einigen Wirtschaftsverbänden im Dezember 2014 beschlossen, diesen Ansatz in die Breite zu tragen und im Rahmen der Initiative Energieeffizienz-Netzwerke bis zum Jahr 2020 bis zu 500 Netzwerke zu gründen.

Noch in diesem Jahr wollen wir dieses Modell im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative auch auf Ressourceneffizienz-Netzwerke von Unternehmen übertragen. Auch dies ist ein Schritt im Innovationsprozess. Und es zeigt: Klimaschutz kann die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen stärken.

Experten sind sich einig, dass das 21. Jahrhundert im Zeichen der Umweltwirtschaft, der Green Economy, stehen wird. Nach Analysen im GreenTech-Atlas 4.0 umfasst das Weltmarktvolumen der neuen Energie- und Umwelttechnologien rund 2,5 Billionen Euro – und es wird sich den nächsten 10 Jahren mehr als verdoppeln. Deutschland hat frühzeitig den Kurs in Richtung einer umwelt- und ressourcenschonenden Volkswirtschaft eingeschlagen und profitiert nun von der weltweit zunehmenden Nachfrage. Das Marktvolumen in Deutschland liegt derzeit bei 344 Milliarden Euro. Bis 2025 wird diese Querschnittsbranche voraussichtlich im Durchschnitt um jährlich 6,6 Prozent auf rund 740 Milliarden Euro wachsen.

Der Anteil dieses Wirtschaftszweiges am Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt inzwischen bei knapp 13 Prozent. Und der Beitrag zur Wirtschaftsleistung wird sich weiter erhöhen, auf über 20 Prozent im Jahr 2025.

Eine ähnliche Dynamik spiegelt sich auch in der Beschäftigungsentwicklung dieses Wirtschaftszweigs wider: Bereits 1,5 Millionen Beschäftigte waren im Jahr 2012 in den Unternehmen der sechs Leitmärkte – Energieeffizienz, Umweltfreundliche Erzeugung, Speicherung und Verteilung von Energie, Kreislaufwirtschaft, Nachhaltige Mobilität, Nachhaltige Wasserwirtschaft, Rohstoff- und Materialeffizienz – tätig. Bis zum Jahr 2025 wird sich hier die Zahl der Arbeitsplätze fast verdoppeln.

Auch bei den Unternehmensgründungen zeigt sich der hohe Stellenwert von Umwelt- und Effizienztechnologien. Start-ups und ihre Ideen spielen dabei eine zentrale Rolle. Dem Sektor ist in Deutschland mittlerweile jede 7. Unternehmensgründung zuzuordnen. Dies bestätigt eindrücklich die Bedeutung dieser Wachstumsbranche für den Standort Deutschland.

Dank der Innovationskraft der deutschen Wirtschaft haben Produkte und Dienstleistungen „Made in Germany“ auch auf dem Weltmarkt eine sehr starke Stellung erreicht. Der deutsche Marktanteil auf dem globalen Markt für Umwelttechnik und Ressourceneffizienz beträgt derzeit 14 Prozent.

Mit dem vorhandenen Ideenreichtum der deutschen Unternehmen in diesen Schlüsseltechnologien können wir die Technologieführerschaft weiter ausbauen und so einen dreifachen Mehrwert erzeugen: Umwelt- und Ressourcenschutz, CO2-Reduktion und Wirtschaftswachstum. Der grundlegende Transformationsprozess hin zu einer „Green Economy“ in Deutschland ist schon im Gange. Dies wird auch daran deutlich, dass das Bundesumweltministerium den Deutschen Innovationspreis für Klima und Umwelt gemeinsam mit dem BDI dieses Jahr bereits zum fünften Mal verleiht.

Bundesumweltministerium und BDI haben den gemeinsamen Innovationspreis für Klima und Umwelt ins Leben gerufen, um:

  • Anreize für noch stärkere Anstrengungen im Bereich Klima- und Umweltschutztechnologien zu setzen und dabei den Erhalt der biologischen Vielfalt zu unterstützen,
  • das Engagement und die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft zu würdigen und
  • Vorbilder im Klima- und Umweltschutz bekannt zu machen.

Der Preis ist aber nicht nur deshalb etwas Besonderes:

  • Er ist ein Preis, der Innovationen ganz unabhängig von der Größe der Unternehmen prämiert – umso erfreulicher ist es, dass in diesem Jahr drei Kategorien und der Sonderpreis „Innovation und Biologische Vielfalt“ mit innovativen Preisträgern aus dem Bereich der kleinen Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden besetzt sind.
  • Er ist ein sehr anspruchsvoller Innovationspreis mit hohen Anforderungen.
  • Und der Preis hat ein beachtliches Renommee. Nicht umsonst sind seit dem Jahr 2010 bereits drei Preisträger aus vergangenen Runden danach mit dem Europäischen Umweltpreis ausgezeichnet worden!

Diese heutige Preisverleihung zeigt, dass Umweltpolitik und Wirtschaft inzwischen eng zusammenarbeiten, um die Ziele der Energiewende, der Dekarbonisierung und des Klimaschutzes zu erreichen. Ich danke dem BDI für sein Engagement, das wir kontinuierlich weiter verstärken sollten.

Ich danke den Kolleginnen und Kollegen von Fraunhofer ISI für die hervorragende Arbeit und die große Kompetenz, die sie in den gesamten Auswahl- und Bewerbungsprozess eingebracht haben.

Ich bedanke mich bei den Mitgliedern der Jury für ihre Arbeit. Und ich bedanke mich ganz besonders herzlich bei Herrn Prof. Klaus Töpfer, der uns in allen fünf Runden des IKU als Jury-Vorsitzender seine Expertise und Erfahrung zur Verfügung gestellt hat.

Allerdings hat Herr Prof. Töpfer erklärt, dass er den Jury-Vorsitz nunmehr abgeben wird, so dass wir eine neue Person für den Vorsitz beim IKU 2017 bestimmen müssen.

Herr Prof. Töpfer, meinen herzlichsten Dank, für Ihre Unterstützung des IKU und Ihre wertvolle Arbeit.

Und natürlich bedanke ich mich bei allen Unternehmen, die sich in diesem Jahr für den IKU beworben haben. Insgesamt waren es 68. Diese Zahl unterstreicht wiederum, welch großen Zuspruch der IKU bei den innovativen Unternehmen genießt.