Bei vielen Bauern dürften die ersten Testergebnisse der neuen Kabelverlegetechnik für Aufatmen sorgen. Denn im Gegensatz zu herkömmlichen Erdkabeln soll das neue Kabel die Erwärmung der Erde verhindern und den Flächenverbrauch deutlich reduzieren. Bislang benötigen Freileitungen eine Schneise von 72 Metern und Erdkabel von 20 Meter Breite. Das Startup-Unternehmen AGS-Verfahrenstechnik bringt es auf eine Trassenbreite von 1,70 Meter. Geringes ökologisches Störpotenzial, belastungsfreies Verlegen der Kabel auch in Kurven, Bergen und Tälern, einfacher Kabelaustausch und Kostenreduzierung sind gute Gründe den Netzausbau für Ökostrom zu beschleunigen.

AGS (auftriebsgestütztes Slipping sowie aktiv gekühlte Stromübertragung) ist eine Kabelverlegetechnik für Übertragungsnetze mit der Option aktiver Kühlung. Hauptkomponente ist das auftriebsgestützte Slipping, bei dem ein Kabeltransportrohr mit innen liegendem Kabel über Rollen in ein wassergefülltes Leerrohrsystem eingeführt wird. Für den Kabeltransportrohrstrang gilt annähernd die Bedingung: Auftrieb minus Gewicht gleich Null. Hierdurch wird ermöglicht, dass die Verlegung des Kabels zugbelastungsfrei erfolgen kann und ultralange Teilstücke verlegt werden können. Für die Trassenplanung ergeben sich dadurch größere Freiheitsgrade. Es können engere Kurvenverläufe realisiert und die Kabel mäandernd verlegt werden. Ultralange Kabelteilabschnitte vermindern die Anzahl von Verbindungsmuffen und Bauwerken im Trassenverlauf signifikant. Bei aktiver Kühlung können aufgrund spezifischer Kabelanordnungen ultraschmale Trassen realisiert werden. Die wirkt sich vorteilhaft auf Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit, Betriebssicherheit, Kompensation elektromagnetischer Felder sowie der Nutzung hochbelasteter Infrastruktur aus. Der Wegfall teurer Erdarbeiten vereinfacht spätere Wartungen oder den Austausch von Kabeln.

Technologischer Nutzen

AGS GrafikDas Verfahren ist technologisch universell einsetzbar zur Verlegung von Kabeln, insbesondere von Höchstspannungserdkabeln. Ein großer Vorteil liegt darin, zukünftige Technologieanpassungen und –entwicklungen nachträglich durch Umrüstung mit geringem Aufwand vornehmen zu können. Die Kompatibilität von technischen Komponenten und Prozessen mit bestehenden und zukünftigen Gesetzen und Verordnungen kann so gewährleistet werden. Die Sekundärinfrastruktur „Leerrohr“ eignet sich idealerweise zur Verschmelzung von Stromübertragung und anderen Infrastrukturmaßnahmen. Durch die Verlegung unter oder an Straßen in Schmaltrassen können gleichzeitig der Ausbau von Datenautobahnen und E‐ Ladestationen sowie autonomes Fahren und leitungsgebundene Energieversorgung von Nutzfahrzeugen (E-mobilität) vorangetrieben werden. Zudem könnte die Abwärme der Kabel für Wärme-contracting an Raststätten oder das Heizen von Straßen im Winter genutzt werden.

 

Umweltverträglichkeit & gesellschaftsrelevante Eigenschaften

Im Rahmen einer Studie wurden die Umweltwirkungen, die von AGS ausgehen, ausführlich untersucht. Sie sind in Bezug auf Ausmaß, Reichweite und Intensität, insbesondere vor dem Hintergrund der Infrastrukturbündelung, äußerst gering. Die Flächeninanspruchnahme wird hinsichtlich des Verlegegrabens, der Errichtung bzw. des Rückbaus von Baustraßen, der Reversibilität und der geringen Anzahl der Muffenschächten bzw. Muffengruben deutlich minimiert. Durch die Möglichkeit der Bündelung mit anderen Infrastrukturen wird dem BNatSchG Rechnung getragen, indem die erstmalige Nutzung von Freiflächen minimiert werden kann. Weiterer Zerschneidung wird entgegengewirkt und die Beeinträchtigungen des Naturhaushaltes so gering wie möglich gehalten. Aktive Kühlung verhindert eine Erwärmung des Bodens und damit eine Veränderung der Bodenfunktionen. Die räumlich enge Kabelverlegung kompensiert elektromagnetische Felder. Vor diesem Hintergrund ist eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz  zu erwarten.

Wirtschaftlicher Nutzen

Im Vergleich zur herkömmlichen Erdkabelverlegung ist AGS deutlich günstiger. Niedrigere Investitionskosten gehen zurück auf geringere Aufwendungen für Erd‐ und Landschaftsbau, Grunderwerb und Pacht, auf die geringere Anzahl Schächten und Schutzeinrichtungen. Planungs- und Genehmigungsverfahren werden einfacher werden, weil die Leitungen neben Autobahnen verlaufen können, deren Flächen meist ohnehin im Besitz des Bundes sind. Außerdem ist jederzeit eine Austauschmontage aufgrund der hohen Reversibilität mit geringem Kostenaufwand möglich.